Sonntag, 26. Januar 2014

Steve Toltz - Vatermord und andere Familienvergnügen

Also bislang hatte ich noch nichts von australischen Autoren gelesen. Die Gründe dafür...? Naja, mir scheint einfach noch nicht allzu viel Australisches in die Hände gefallen zu sein. Ich werde mich auch davor hüten, meine Erfahrungen mit dem australischen Autor Steve Toltz jetzt unzulässigerweise zu verallgemeinern und daraus ein allgemeines Bild über die australische Literatur abzuleiten. Tatsächlich würde ich ihr gerne "trotz" Steve Toltz noch einmal eine Chance geben wollen. Aber ich möchte mein Urteil über sein Buch "Vatermord und andere Familienvergnügen" nicht schon vorweg nehmen. Tatsächlich war ich bei der Lektüre über lange Strecken recht zwiegespalten, ob es mich amüsieren sollte oder ob es mir einfach nur auf die Nerven geht...

Aber alles der Reihe nach. Das Buch erzählt eine ungewöhnliche Familiengeschichte: die Geschichte von Jasper Dean, seinem Vater Martin und dessen Bruder Terry. Martin ist ein seltsamer Typ, ein depressiver Philosoph, ein Misanthrop, der geborene Verlierer, dem nichts so recht in seinem Leben gelingen will. Die ersten Jahre seines Lebens verbringt er erst einmal im Koma. Sein erster großer Versuch die Welt und damit das Leben seiner Mitbewohner in der kleinen australischen Stadt zu verbessern, ist zum Scheitern verurteilt. Heimlich installiert er am Rathaus eine anonyme "Vorschlagsbox", aber die braven Bürger nutzen diese nicht nur um gute Ideen unterzubringen, die anschließend zur Abstimmung in einer öffentlichen Versammlung verlesen werden, sondern sie denunzieren und hetzen gegen ihre lieben Mitmenschen. Martins Vorschlagbox wächst sich letztendlich zur Wurzel allen Übels heraus, die am Ende sogar für den Untergang des Städtchens in einem Buschfeuer verantwortlich zeichnet.

Im Gegensatz zu Martin ist sein jüngerer Bruder Terry zunächst einmal die Sportskanone in der Familie. Allerdings führt eine Verletzung - ein Messerstich ins Bein - dazu, dass er auf die schiefe Bahn gerät, zum Berufsverbrecher wird und letztendlich zum meistgesuchten Mann Australiens. Seiner Popularität tut dies keinen Abbruch. Im Gegenteil, er wird zu einem Volkshelden, da er Attentate auf Spitzensportler verübt, die gedopt haben oder sich haben kaufen lassen, da dies seinem Verständnis von sportlicher Fairness und Fair Play widerspricht. Ironie des Schicksals: Terrys Vater hatte sich in der kleinen Stadt einst für den Bau eines neuen Gefängnisses engagiert, in das Terry am Ende eingeliefert wird, so dass der Vater seinen Sohn von der Terrasse aus mit dem Fernglas beim täglichen Freigang beobachten kann.

Zwischen diesen beiden Charakteren steht jetzt Jasper Dean. Sein Vater Martin taugt nicht recht zum Vorbild, aber sein Onkel Terry als Krimineller erst recht nicht. Und wenn man glaubt, die Story wäre jetzt schon ein wenig abstrus, so geht es nun erst richtig zur Sache in immer haarsträubenderen Unfällen, Verbrechen und anderen Katastrophen. Und dabei kommt wirklich alles zusammen. Aber ich werde diesen folgenden Teil der Familiengeschichte nicht vorwegnehmen, falls sich der ein oder andere Leser jetzt zur Lektüre ermuntert fühlen sollte.

Steve Toltz versucht sich an einer humoristischen Erzählung, die bisweilen aber hart an der Kalauergrenze des "guten Geschmacks" rangiert. Der Leser staunt über die unglaublich konstruierten Zusammenhänge. Zwar werden die großen - und mitunter unaussprechbar schrecklichen - Ereignisse des 20. Jahrhunderts in Toltz's Plauderton gestreift, aber stets müssen diese im Nachsatz zur Pointe geraten. Ich stimme der FAZ in ihrer Rezension zu, dass dies manchmal kaum zu ertragen ist. Wie so oft frage ich mich einmal wieder, was den Verlag wohl zur Wahl des Titels bewogen haben mag. Im Original heißt Toltz' Werk "A Fraction of the Whole" ("Ein Teil des Ganzen"). Aber, und das muss man diesmal zugestehen, wird der deutsche Titel dem Inhalt tatsächlich gerecht - auch wenn dies gewiss kein Lob sein soll. Hätte sich Toltz auf gut die Hälfte der in Anspruch genommenen 800 Seiten beschränkt, würde mein Urteil sicherlich milder ausfallen. So aber hege ich eine gewisse Angst, was uns der Autor wohl in Zukunft noch zumuten möchte.

Fazit: Kurios schräge australische Familiensaga. Grenzwertig, nur für den ausdauernden Leser, der hart im Nehmen ist. Weniger ist manchmal mehr...

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Mittwoch, 15. Januar 2014

Falls Sie wirklich meine Geschichte hören wollen...

Falls Sie wirklich meine Geschichte hören wollen, so möchten Sie wahrscheinlich vor allem wissen, wo ich geboren wurde und wie ich meine verflixte Kindheit verbrachte und was meine Eltern taten, bevor sie mit mir beschäftigt waren, und was es sonst noch an David-Copperfield-Zeug zu erzählen gäbe, aber ich habe keine Lust, das alles zu erzählen.

Richtig, es geht um das One-Hit-Wonder der Pop-Literatur, J.D. Salingers Roman 'Der Fänger im Roggen'. Ja, ich hab ihn schon öfters gelesen, das erste Mal vor 25 Jahren, mal in der Böll'schen (zahmeren) Übersetzung oder auch im englischen Original. Hier im Biblionomicon war ebenfalls schon öfters von J.D. Salinger und seinen Einflüssen die Rede (siehe unten). Coming-of-Age Geschichten sind bzw. waren auch zu Salingers Zeiten natürlich nichts Neues. Aber im Gegensatz zu all seinen Vorgängern trifft Salinger einen anderen Ton, eine Schnoddrigkeit mit Tendenz zur Großspurigkeit und dem immer wiederkehrenden Prinzip der 'verpassten Chance', die den Leser mit der Frage 'Was wäre Wenn...?' alleine zurücklässt. Und dieser Ton zieht den Leser jetzt schon seit mehr als 60 Jahren in seinen Bann. Falls ihr in noch nicht kennen solltet: Lesen!

Zum Thema J.D. Salinger hier im Biblionomicon:
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Samstag, 11. Januar 2014

Nichts für die trüben Tage - Edith Wharton 'Ein altes Haus am Hudson River'

Eigentlich kannte ich Edith Wharton zuvor lediglich durch Martin Scorseses Film 'Zeit der Unschuld' mit Michelle Pfeiffer und dem großartigen Daniel Day-Lewis. Allerdings war ich von dem Film nur mäßig begeistert. Gesellschaftliche Zwänge und unterdrückte Sexualität in der Zeit der 'Belle Epoque', gepaart mit dem Motiv des Versagens, der verpassten Gelegenheit, der angstvoll getroffenen 'falschen' aber dennoch den Konventionen der Gesellschaft angepassten Entscheidungen. Den Film vor Augen, sah ich in Edith Wharton eine sauertöpfische, spätviktorianische Jungfer, die nicht so leben konnte, wie sie es aller Wahrscheinlichkeit nach eigentlich wollte. Dass sie aber noch bis in die 1930er Jahre als Autorin aktiv sein sollte und sich auch noch erfolgreich an der literarischen Welt des Jazz-Age und der Roaring Twenties beteiligte, war mir bislang verborgen geblieben.

Edith Whartons 'Das alte Haus am Hudson River' (Hudson River Bracketed) erschien 1929 und ist mehr oder minder ein zeitgenössischer Roman, der im Amerika der 1920er Jahre spielt. Aber ganz genauso wie in 'Zeit der Unschuld' geht es um gesellschaftliche Konventionen, die eine Verbindung zweier Liebender verhindern soll. Vance Weston ist der jugendliche und mehr oder weniger glücklose Held aus der Provinz, dessen kurvenreicher Bildungs- und Bewährungsweg zum Schriftsteller in diesem Roman aus Edith Whartons Spätwerk erzählt wird. Vance stammt aus einer typisch-amerikanisch modernen Suburb, einem Neubauvorort im Mittleren Westen mit dem sinnigen Namen 'Euphoria'. Sein Vater ist ein angesehener und erfolgreicher Immobilienspekulant, der natürlich nichts dafür übrig hat, dass sein Sohn lieber Gedichte schreiben möchte als in die väterlichen Fußstapfen zu treten. Als er zur Erholung zu Verwandten, den Tracys, geschickt wird, die in ärmlichen Verhältnissen in der ländlichen Umgebung New Yorks leben, soll er bald eine ganz andere Welt in Gestalt von Heloise Spears kennenlernen, deren Lebensweg als Teil der 'besseren Gesellschaft' zu der sie gehört, in engen Bahnen vorgezeichnet zu sein scheint.

Durch Heloise findet Vance den Weg zum alten, leerstehenden Haus am Hudson River, dessen Kern eine wohlsortierte Bibliothek der vormaligen Besitzerin bildet, ein Hort der Bildung und Gelehrsamkeit, der zur unstetigen Schule des Protagonisten werden soll, der so sehr vom Wunsch beseelt ist, einmal ein großer Autor zu werden. Die literarische Welt der amerikanischen und europäischen Klassiker blieb dem jugendlichen Helden aus dem fortschrittsbetonten Euphoria bislang verborgen und sein Besuch in der alten Bibliothek gerät so zu einem Erweckungserlebnis. Der Originaltitel des Romans (Hudson River Bracketed) ist gleichzeitig die Bezeichnung des Baustils dieses alten Hauses, das mit seinen verwinkelten Balkonen, Spitzbögenfenstern und riesigen Urnen an der Eingangstreppe um 1830 erbaut worden ist. Während die ärmlichen Tracys in dem alten Haus nach dem Rechten sehen und damit ihr kärgliches Einkommen aufbessern, residieren die Spears dagegen im jahrhundertealten Familienstammsitz mit unverbautem Blick auf den Hudson.

Schuldlos in den Verdacht geraten, Bücher aus der Bibliothek gestohlen zu haben, beschließt Vance, sein Glück in der Boomstadt New York zu versuchen, die nur eine kurze Zugfahrt entfernt liegt. Eine erste Erzählung, die Vance im Schmerz einer enttäuschten Liebe verfasst, wird ihm die Türen einer neuen und ambitionierten Literaturzeitschrift öffnen, deren Verleger schließlich niemand anderes als Heloises Ehemann sein wird, den diese auf Wunsch ihrer sonst dem Bankrott nahestehenden Eltern aus naheliegenden 'Vernunftsgründen' wählt. Hier gerät der Roman schließlich zu einer Schilderung des Lebens im Großstadtmoloch New York der Roaring Twenties. Dem Leser wird dabei sowohl die Welt der Reichen und Schönen auf der einen Seite, als auch die durch die Not erzwungene ärmliche Existenz des Protagonisten und alle daraus entstehenden Gegensätze und Konflikte bildreich vor Augen geführt. Vance ist dazu verurteilt, an seinen eigenen Prinzipien und Idealen zu scheitern. Durch seine Weigerung mit der alten Witwe Pulsifer (eine Anspielung auf Pulitzer) zu schlafen, vergibt er sich die Chance auf den wichtigsten New Yorker Literaturpreis, der zur Förderung seiner Karriere unabdingbar gewesen wäre. Natürlich hört er auf die falschen Agenten und Redakteure, die nur den Kommerz und nicht die Qualität der Literatur vor Augen haben. Dann heiratet er auch noch die falsche Frau, ein wunderschönes, aber bettelarmes, ungebildetes Mädchen, das wenig später an Schwindsucht stirbt. Natürlich wissen wir es ja schon von Anfang an. Eigentlich sollten doch Vance und Heloise zusammenkommen, aber dazu stehen sie sich selbst und (sic!) die gesellschaftlichen Konventionen im Wege.

Edith Wharton verwendet viel Zeit, um ihre Charaktere liebevoll zu formen und detailliert herauszuarbeiten. Bei aller Liebe fällt es aber dennoch schwer, sich aus heutiger Sicht mit Vance oder Eloise zu identifizieren, da es uns schwerfällt, in den Kategorien und Konventionen ihrer Zeitgenossen zu denken. Irgendwie ist es von Anfang an klar, dass Vance der 'geborene Verlierer' in dieser versnobbten New Yorker Upperclass Welt sein wird, und dass Heloise trotz aller Liebe auch nicht aus ihrem goldenen Käfig auszubrechen vermag. Da waren sie wieder, wie bei Scott F. Fitzgerald, Gatsby und seine Daisy, die Liebenden, die doch nicht zueinander finden konnten, und in ihrer Welt gefangen hingen. Allerdings wurde mir Edith Whartons Roman im Gegensatz zu Fitzgeralds großartigem Werk zum Ende hin doch en wenig zu trübsinnig und melancholisch.

Fazit: Ein großer Roman einer überaus interessanten Autorin, den es sich lohnt zu lesen. Aber Vorsicht, er dient sicherlich nicht als Lektüre zur Aufheiterung der trübgrauen Wintertage.

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