Samstag, 30. November 2013

Jerome K. Jerome: Drei Mann in einem Boot - vom Hunde ganz zu schweigen


Heute möchte ich Euch einen Klassiker vorstellen, der mir schon während meiner Schulzeit von unserer Englischlehrerin -- Mrs. Tiggemann -- empfohlen wurde, den ich aber erst vor kurzer Zeit erstmals, aber mit großem Genuss gelesen habe. Es handelt sich um Jerome K. Jeromes 1889 erschienenen Roman 'Drei Männer im Boot, ganz zu schweigen vom Hund!' (Three men in a Boat). Typisch schräger britischer Humor, stets leicht spöttisch mit sich selbst und seinen Mitmenschen befasst, geht es um eine urlaubliche Bootstour die Themse hinauf. Tatsächlich war das Buch auch als Reiseführer gedacht, entwickelte sich dann doch etwas anders als geplant...
"Der hauptsächliche Vorzug dieses Buches liegt nicht so sehr in seiner literarischen Schhönheit oder in den reichhaltigen und nützlichen Informationen, die es vermittelt, als vielmehr in seiner unbedingten Wahrhaftigkeit." (aus dem Vorwort zur 1. Auflage)
Also eigentlich geht es ja um vier Hauptpersonen: George, William Samuel Harris, der nur als "J." bezeichnete Erzähler und der auf den pompösen Namen Montmercy hörende, neurotische Foxterrier des Erzählers. Die Rahmenhandlung ist schnell erzählt. Sei es aus gesundheitlichen Gründen oder allgemeiner Langeweile heraus beschließen die Freunde eine 14tägige Bootstour von London die Themse hinauf zu unternehmen. Dabei wird gerudert, getreidelt, besichtigt, getrunken, gegessen und campiert. Der geneigte Leser mag jetzt fragen, was denn genau 'treideln' sei. Ihm sei gesagt, dass in Zeiten noch nicht existenter Motoren, Boote und Schiffe auf Flüssen gegen den Strom mit einer langen Leine 'getreidelt', das heißt gezogen wurden. Während Lastkähne meist von Viehgespannen gezogen wurden, übernimmt bei unseren Freunden stets ein Mann diese mehr oder weniger ungeliebte Aufgabe, da das Rudern über längere Strecken einfach auf zu anstrengend ist. Und es soll ja eine 'erholsame' Reise werden.
"Ich mag Arbeit sehr: sie fasziniert mich. Ich kann stundenlang dabeisitzen und zuschauen." (Jerome K. Jerome)
Die gesamte Flussfahrt ist gespickt mit einer Fülle von Abenteuern und Anekdoten, der Erzähler kommt dabei vom Hundertsten ins Tausendste, und der Leser staunt über Jerome K. Jeromes Ideenreichtum, wenn es um das Skurrile geht. Natürlich sind unsere Helden perfekt vorbereitet. Sie packen Sakko, Hut und Schlips ein, aber während sie auf der Themse entlang in die 'Wildnis' hineinrudern (bzw. treideln) müssen sie feststellen, dass sie den Büchsenöffner vergessen haben und die Zahnbürsten unauffindbar bleiben. Stets tun unsere Helden das, was entweder dem gesunden Menschenverstand widerspricht oder gar aufgrund der Gefahr für Leib und Leben explizit verboten ist. Aber sie landen zum Glück nicht im Herz der Finsternis, sondern einfach nur im regnerischen Londoner Hinterland. Sehr amüsant geht es zu, wenn man die drei Herren bei ihrem täglichen Treiben beobachtet. Die Wäsche im Fluss zu waschen, das kann nichts werden, wenn man sich den Zustand der Themse gegen Ende des 19. Jahrhunderts vergegenwärtigt. Auch stellt es sich als schwierig heraus, abends ganz romantisch selbst einmal eine Mahlzeit am Flussufer zuzubereiten, als man feststellt, dass keiner der Dreien überhaupt kochen kann. Vom Zeltaufbau im Dunkeln möchte ich an dieser Stelle jetzt eigentlich gar nicht mehr reden.
"Ehe wir sie gewaschen hatten, waren unsere Kleider allerdings sehr, sehr schmutzig gewesen, aber man konnte sie doch noch tragen. Aber nachdem wir sie gewaschen hatten – nun um es kurz zu sagen, der Fluß zwischen Reading und Henley war nach unserer Wäsche viel sauberer als zuvor! Allen Schmutz, den das Wasser zwischen diesen beiden Orten enthielt, sammelten und saugten und wirkten wir in unsere Kleider hinein." (Kap. 18)
Tatsächlich hat Jerome K. Jerome mit den Protagonisten seines bekanntesten Buches sich selbst und seine zwei besten Freunde, George und Harris, beschrieben. Lediglich Montmercy, so Jerome, sei reine Erfindung, auch wenn er Vieles mit dem Autor gemein hätte. Interessanterweise nutzen britische Fans Jeromes Schilderung heute noch als Reiseführer und fahren die im Buch angegebene Strecke nach. Die Route hat sich nicht verändert und sogar die meisten der darin genannten Wirtshäuser gibt es noch. Auch wenn es sich diesmal nicht um große Literatur handelt, ist das Buch wirklich sehr unterhaltsam, wenn man sich erst einmal auf den stets abschweifenden Stil Jeromes eingelassen hat. Letztendlich geht es immer um ein grandioses Scheitern an der Tücke des Objekts, erzählt in einem leichten Plauderton. Insgesamt erinnert mich Jerome stark an Mark Twain, den amerikanischen Meister der Anekdote.
"Ich muß gestehen, sprach Harris, indem er die Hand nach seinem Glas ausstreckte, »daß wir eine angenehme Fahrt gehabt haben; ich sage daher dem alten Vater Themse meinen herzlichen Dank dafür; aber ich denke, wir haben wohl daran getan, auszureißen und ihm eine Nase zu drehen! – Ich trinke auf das Wohl der ›Drei Mann glücklich aus dem Boot‹!" (Kap. 19)
Fazit: Grandioses Scheitern im humorvollen Plauderton erzählt, durchsetzt mit schrägem britischen Humor, im Gewand eines 'Reiseführers'. Lesen! 


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Samstag, 23. November 2013

Am Rand des Abgrunds... - William Boyd - Eine große Zeit

Ist es tatsächlich schon wieder so lange her? Meine Güte, fünf Monate keine neue Rezension, was aber nicht heißen soll, ich hätte in der Zwischenzeit nichts Neues mehr gelesen. Im Gegenteil. Hier steht ein beachtenswerter Stapel gelesenen Materials auf meinem Schreibtisch und der graue Novembernachmittag ist genau der richtige Zeitpunkt bei einer Tasse Tee wieder mit der Arbeit anzufangen. Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, William Boyd und sein ungewöhnlicher historischer Roman 'Eine große Zeit', der im Original den wesentlich besseren Titel 'Waiting for Sunrise' besitzt. Warum machen die Verlage bzw. Übersetzer so etwas. Was ist Falsch an einer wörtlichen bzw. sinngemäßen Übersetzung des Originaltitels? Es muss irgendetwas mit verkaufstechnischen Überlegungen und der mangelnden Auffassungsgabe der deutschen Leser zu tun haben - so zumindest den Überlegungen der dafür Verantwortlichen zur Folge. Hallo ihr Verlage und ihr Übersetzer da draußen: die deutschen Leser haben mindestens genauso viel Grips im Kopf wie ihr. Gestattet dem Autor doch seinen eigenen Titel. Er wird sich schon etwas dabei gedacht haben, oder? Aber lassen wir erst einmal das übliche Schimpfen auf die Buchvermarktungsindustrie und werfen einen Blick ins Buch.

Wien, 1913. Der mittelmäßige Londoner Schauspieler Lysander Rief sitzt im Wartezimmer eines Wiener Psychoanalytikers, da er vor seiner geplanten Hochzeit noch ein delikates Problemchen zu lösen hat. Die Augen der Frau, die ihm im Wartezimmer von Dr. Bensimon begegnet lassen ihn nicht mehr los und er stürzt sich in eine wilde Affaire. Doch Hettie Bull, die klassische Femme fatale mit den unergründlich braun-grünen Augen (im Original übrigens 'haselnussbraun' - ein Gruß an den Übersetzer), die ihn in das ausschweifende Wiener Künstlerleben einführt und ihn dabei von seinem post-viktorianischen Sexualtrauma heilt, spielt ein doppeltes Spiel. Als Hettie schwanger wird, erstattet sie gegen den völlig überraschten Riefs Anzeige wegen Vergewaltigung und Riefs flieht in die britische Botschaft, um so den Fängen der österreichischen Rechtssprechung zu entgehen. Aber nichts ist umsonst in dieser Welt und Rief verstrickt sich am Vorabend des ersten Weltkrieges in die Machenschaften des britischen Geheimdienstes. Soweit das Exposé für die nun folgende abenteuerliche Geschichte, die den Leser in die Schützengräben Nordfrankreichs, nach Genf, in die englische Provinz und schließlich in den Bombenhagel eines deutschen Zeppelins nach London führt.

William Boyds Roman hat mich überaus positiv überrascht. Neben der mitunter unwahrscheinlichen und sehr weit hergeholten Handlung versteht es William Boyd, unter der Oberfläche mit kleinen aufschlussreichen, symbolisch bedeutsamen Details aufzuwarten. Bildhaft geschilderte Nebensächlichkeiten geraten so zu wichtigen Indizien, wie z.B. das Libretto zu einer 'modernen' Oper, auf dessen Titelseite die völlig nackte Hettie Bull abgebildet ist oder die Tatsache das der Protagonist aufgrund eines Übersetzungsfehlers von einer eigenen Agentin gleich dreimal erschossen wird - wobei er auch das überlebt. Unausweichlich scheint auch die Zufallsbegegnung mit Siegmund Freud in einem Wiener Kaffeehaus. William Boyd gelingt es, den Leser mitzunehmen in eine 'große Zeit'. Besonders gefallen hat mir die Schilderung des Wiener Lebens am Ende der Belle Epoque und die Unruhe und Rastlosigkeit seiner teils kafkaesken Bewohner.

Fazit: Ein Parforceritt durch durch ein sich wandelndes Europa des ersten Weltkriegs im Gewand einer spannenden, wenn auch manchmal weit hergeholten Agentengeschichte, die allerdings durch den genauen Blick des Autors besticht. Lesen!


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