Sonntag, 31. Januar 2010

Fulminanter Genreauftakt des englischen Kriminalromans - Wilkie Collins 'Der Monddiamant'


Glaubt man doch im Allgemeinen, Sir Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes stehe am Anfang der Gattung des englischen Kriminalromans, sollte man noch gut 20 Jahre weiter zurück in die Vergangenheit zurückgreifen und Wilkie Collins lange Zeit vergessenen und aus ungewohnter Perspektive geschriebenen Klassiker lesen, der bereits alle Elemente enthält, die den englischen Kriminalroman überhaupt ausmachen. Ein fulminanter Start für ein ganzes Literaturgenre also, das aber ebenso auf noch berühmtere Vorbilder zurückgreift...

Das 19. Jahrhundert, der 'Aufbruch der Moderne', erscheint uns aus unserer heutigen postmodernen Sichtweise oft als 'gute alte' und vor allen Dingen 'geruhsame' Zeit. Der Erdball aber begann bereits zu schrumpfen, die industrielle Revolution erreichte ihre ersten Höhepunkte, Telegrafie und Eisenbahn versetzten das damalige Leben in einen Zustand ungeahnter Beschleunigung. An der Grenze zu dieser Epoche liegt auch die Entstehung des literarischen Genres des Kriminalromans. Einer seiner ersten und heute leider zumindest im deutschsprachigen Raum nur wenig bekannten Vertreter ist Wilkie Collins, der mit seinen Romanen 'Die Frau in Weiß' (1860, steht bereits auf meiner Leseliste) und 'Der Monddiamant' (1868) das Genre entscheidend prägen sollte.

Der Monddiamant, das ist ein außergewöhnlicher Diamant, der seinen Namen seiner Herkunft verdankt, da er ursprünglich an der Stirn einer indischen Mondgottheit angebracht seine wechselvolle und fluchbeladene Geschichte begann, ganz ähnlich dem Kohinoor der englischen Kronjuwelen. 1799 belagern englische Truppen das indische Seringapatham und der draufgängerische John Herncastle bringt den Stein in seinen Besitz und anschließend nach England.
"In puncto Tapferkeit - das muss man sagen - war er eine Mischung von Bulldogge und Kampfhahn mit einem Schuss von 'Wildem' dazwischen." (Seite 27)
50 Jahre später soll seine noch nicht mündige Nichte Rachel Verinder den Diamanten erben. Ihr Cousin Franklin Blake überbringt ihr den Stein aus dem sicheren Safe der Bank in London nach Yorkshire zum Landsitz der Familie Verinder. Doch seit der Stein aus Indien nach England verbracht wurde, suchen dessen ursprüngliche Besitzer ihn zurückzugewinnen. Überall durchzieht der Schatten der drei geheimnisvollen Inder den Roman, die dem Stein auf der Spur sind. Auf der Geburtstagsfeier der jungen Miss Verinder kommt es schließlich, wie es kommen muss. Am folgenden Tag ist der Diamant verschwunden und die Aufklärung des Verbrechens beginnt.

Collins lässt diesen Roman aus der ungewohnten Perspektive verschiedener Personen erzählen, deren Aufzeichnungen quasi wie in einer Art Briefroman den Ablauf der Handlung zusammenfügen. Als erstes tritt uns Gabriel Betteredge gegenüber, der fast 70 Jahre alte und etwas schrullige Haushofmeister der Familie Verinder, der die Geschehnisse bis zum ersten Abbruch der Ermittlungen schildert. Betteredges universeller Ratgeber dabei ist Daniel Defoes 'Robinson Crusoe', den er als Zitat in allen Lebenslagen versucht an den Mann zu bringen.
"Ich teile durchaus die Ansicht...wie man seine Frau aussuchen sollte...Sie müsste ihr Essen gut kauen und ihre Füße fest aufsetzen; dann wäre alles in Ordnung." (Seite 12)

Franklin Blake, Überbringer des Diamanten und Rachels Cousin, hat sich in seine Cousine verliebt und versucht sich ebenso wie Betteredge als Laiendetektiv an der Aufklärung des Falls. Dabei unterstützen die beiden den berühmten, extra aus London herbeigerufenen Sergeant Cuff, der seinen stümperhaften lokalen Vorgänger Inspector Seagrave ablösen soll. Auch hier wieder die Charakterisierung von Typen, wie sie später zum Standardinventar des englischen Detektivromans zählen werden: der tumbe lokale Polizeiinspektor wird vom genialen Profidetektiv abgelöst, Laien versuchen sich zusätzlich an der Aufklärung des Falls, darunter auch Franklin Blake als 'Gentleman Detective'. Zudem dient als Ort des Verbrechens ein englischer Landsitz. Godfrey Ablewhite, noch ein Cousin Rachel Verinders, hat ebenfalls ein Auge auf Rachel geworfen, wird jedoch bei seinem Antrag abgewiesen. Die Ermittlungen gehen voran, falsche Fährten werden gelegt, verfolgt und wieder verworfen, Rachel Verinder erweist sich als völlig unzugänglich und verweigert komplett ihre Mithilfe, wodurch sie ebenfalls in Verdacht gerät. Betteredges Aufzeichnungen enden mit dem Aufbruch Lady Verinders und ihrer Tochter nach London und dem damit vorläufigen Ende der Ermittlungen.
"Solange ich nun schon meine Erfahrungen auf den schmutzigen Wegen dieser schmutzigen kleinen Welt gesammelt habe, ist mir so etwas wie eine 'lächerliche Kleinigkeit' noch nie begegnet." (Seite 75)
Der Faden des Geschehens wird nun von Drusilla Clack aufgenommen, ihres Zeichens eine verarmten (unverheirateten) Cousine Rachels und eine Art religiöser Fanatikerin, die ständig versucht, ihre Verwandschaft 'auf den rechten Pfad der Tugend' zu führen und damit meist in mehr oder weniger lächerlichen Szenen endet. Erneut wagt Godfrey Ablewhite einen Antrag, stößt zunächst auf Zustimmung, wird dann aber schließlich doch wieder abgewießen. Was ist nur los mit dieser Rachel? Weitere Ermittlungen werden von Matthew Bruff, dem Anwalt der Familie Verinder und von Franklin Blake selbst geschildert, der schließlich dem Verbrechen auf die Spur kommen soll. Um die Exotik der Ausgangssituation aufzugreifen und weiter auszureizen, kommen jetzt auch noch Drogen und Drogenerfahrungen mit ins Spiel, was dem Roman schließlich auch einen modernen Charakter schenkt und gewiss zu seiner ursprünglichen Popularität beigetragen hat.

Natürlich klärt sich am Ende alles auf. Wie, das wird hier nicht verraten, um dem zukünftigen Leser die Spannung nicht zu nehmen. Ich hatte das Glück, eine sehr schöne Halblederausgabe des Romans von 1949 aus dem Hera Verlag zu ergattern (siehe Foto). Die alte Übersetzung von Sigfried H. Engel trägt einiges dazu bei, dass dem heutigen Leser die Handlung an manchen Stellen allzu beschaulich und langsam erscheinen mag. Andererseits wird den handelnden Figuren viel Spielraum zubemessen, um ihren Charakter zu entfalten. Schließlich konnte Collins noch nicht auf die Stereotypen zurückgreifen, die es heute in der Kriminalliteratur zu finden gibt, und die sich heute mit nur wenigen Worten charakterisieren lassen. Sehr schön gelungen sind vorallem die verschiedenen Erzählperspektiven. Sie halten die Spannung aufrecht und sorgen dafür, dass der Leser stets nicht mehr weiß oder erahnt, als die gerade erzählende Person. Neben den ernsteren Charakteren treten auch die beiden skurilen Typen Betteredge und Drusilla Clack auf, die zur Handlung einen humoristischen Einschlag beisteuern.

Der wohl berühmteste Vorgänger von Collins ist Edgar A. Poe, der mit seinem Meisterdetektiv Auguste Dupin das Genre schlichtweg begründete, das Collins gut 20 Jahre später in England erneut aufgriff und zu weiterer Vervollkommnung führte. Collins Romane besitzen wirklich bereits alle Eigenschaften und Charaktere, die ein moderner Kriminalroman heute in der ein oder anderen Abwandlung variiert. Schade nur, dass dieser Autor so lange in Vergessenheit geraten ist und erst wieder in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (wenn auch zaghaft) auftauchte.

Fazit: Eine mit allen Wassern gewaschene, ungewöhnliche Kriminalgeschichte und vor allen Dingen ein Genreklassiker. Lesen!

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Samstag, 23. Januar 2010

Spiele der Macht im Alten Rom - Robert Harris 'Titan'


"Wir häufen für uns selbst Reichtümer an, während der Staat bankrott ist." Manche Dinge, so scheint es, die ändern sich nie. Auch wenn dieser Ausspruch Catos des Jüngeren aus dem Jahr 63 v. Chr. stammt, hat er auch heute noch nichts an seiner Aktualität verloren. So führt uns Robert Harris in seinem aktuellen Roman 'Titan' erneut ins alte Rom zurück und lässt uns die Zeit miterleben, in der Cicero als Konsul des Römischen Reiches auf dem Höhepunkt seiner Karriere die Verschwörung des Catilinas aufdeckt und vereitelt, bis er nur fünf Jahre später ins Exil gehen muss.

Ich hatte mich schon einige Zeit sehr darauf gefreut, den zweiten Band von Robert Harris Trilogie über das Leben des bekanntesten römischen Redners, Schriftstellers und Politikers Marcus Tullius Cicero, zu lesen. Den ersten Band 'Imperium', in dem Ciceros politischer Aufstieg bis hin zu den gewonnenen Konsulatswahlen im Jahr 64. v. Chr. geschildert wurde, hatte ich bereits 2007 gelesen und hier im biblionomicon besprochen. Um so spannender versprach die Fortsetzung zu werden, sollte es sich dabei doch um die vielen von uns aus dem Lateinunterricht bekannte 'Verschwörung des Catilinas' handeln, die die römische Republik an den Rande des Abgrunds führen sollte und die durch Ciceros Hilfe aufgedeckt und vereitelt werden konnte. Wir werden Zeuge von fünf besonders kritischen Jahren der römischen Geschichte zur Zeit des Niedergangs der Republik.
"Eine Zeitspanne, die wir sterblichen LUSTRUM nennen, die für die Götter aber nicht mehr als ein Blinzeln ist." (Seite 21)

Das Buch startet zur Jahreswende, dem Auftakt von Ciceros Konsulat, das er sich notgedrungen mit Gaius Antonius Hybrida teilen muss, einer wenig schillernden Marionettenfigur seiner politischen Gegner. Ein toter Sklavenjunge wird am Hafen aus dem Wasser gefischt, auf furchtbare Weise ausgeweidet. Wie sich herausstellen soll, stecken politische Verschwörer hinter diesem "Menschenopfer", mit dem sie ihre finsteren Pläne besiegeln wollten. Kopf der Verschwörergruppe ist Lucius Sergius Catilina, der bei der Wahl zum Konsulat von Cicero geschlagen wurde. Die Verschwörer bauen auf die politischen Spannungen zwischen Plebejern und Patriziern, dem gemeinen Volk und den Aristokraten. Auf abenteuerliche Weise gelingt es Cicero, hinter die Pläne der Verschwörer zu kommen und er wird seine erste berühmte 'Rede gegen Catilina' halten, die mit den vielzitierten Worten beginnt:
"Quo usque tandem, Catilina, abutere patientia nostra? - Wie lange noch, Catilina, willst Du unsere Geduld missbrauchen? " (Seite 221)
In all diesen politischen Verwicklungen taucht auch stets Gaius Julius Cäsar auf, dem es durch geschicktes Taktieren immer wieder gelingt aus allen Situationen für sich und seine politischen Ziele Kapital zu schlagen. Ciceros Waffe, die er geschickt wie kein Zweiter zu führen versteht, ist das Wort, während seine Gegner meist schlachterfahrene Strategen und Feldherren sind.
"In diesen Minuten glich Cicero einem ausgefuchsten Teppichhändler auf einem überfüllten Bazar, der verstohlen seinem Kunden erst über die Schulter blickt und dann nach hinten über die eigene Schulter schaut, dabei die ganze Zeit leise redet, beschwörend die Hände hebt und auf den Abschluss des Handels drängt." (Seite 196)"

"Ciceros größter Schwachpunkt als Staatsmann war seine Unkenntnis in militärischen Dingen." (Seite 117)

Denoch gelingt es ihm, ein Todesurteil für Catilina und seine Verschwörer durchzusetzen - doch dies soll ihm später noch zum Verhängnis werden. Zunächst ist er der Held der Stunde und wird sogar mit dem Titel 'Pater Patriae', dem Vater des Vaterlands geehrt. Sein Stern beginnt aber bereits kurz nach seinem Konsulatsjahr zu bröckeln. Pompeius Magnus, der große Feldherr, der in den vergangenen Jahren das römische Imperium im Osten bis weit über seine Grenzen hinaus 'befriedet' hat, kehrt zurück und bedrängt als neuer Machtfaktor die römische Hauptstadt. Marcus Licinius Crassus, vormals der wohl reichste Mann Roms, sichert sich nach allen Seiten hin ab und macht keinen Unterschied darin, mit wem er gerade paktiert, Hauptsache es gereicht ihm persönlich zum Vorteil. Übertroffen wird er darin nur noch von Cäsar. Nichts kann diesen davon abhalten, seine politischen Ziele mit allen Mitteln zu durchzusetzen. Am Ende muss Cicero um sein Leben bangen und wird ins Exil getrieben.
"Und weißt Du, warum Du so verdorben bist, Cäsar - schlimmer als Pompeius und Clodius, sogar schlimmer als Catilina? Du wirst solange keine Ruhe geben, bis wir alle vor dir auf die Knie gehen müssen." (Seite 520)
Der Roman selbst entpuppt sich bereits wie sein Vorgänger als wahrer "Pageturner". Flüssig geschrieben möchte man das Buch eigentlich gar nicht mehr aus der Hand geben. Erzählt werden die 5 Jahre der Handlung durch Ciceros Privatsekretär, dem Sklaven Tiro. Geschickt, denn so erleben wir diese Epoche aus der Sicht eines genauen Beobachters, der aber nicht in der Lage ist, die Beweggründe der handelnden Personen immer sofort zu durchschauen. Dieser Kunstkniff schafft den nötigen Abstand zu den vor über 2000 Jahren verstorbenen Personen der Handlung und macht das Miterleben für den Leser um so spannender. Immer wieder drängen sich dem Leser aber auch Parallelen zu den aktuellen politischen Themen auf, und man begreift, dass die moderne Welt gar nicht so modern ist, wie sie immer scheint. Politisches Intrigenspiel auf höchstem Niveau, das gab es bereits in der Antike und dagegen sind unsere Berliner Repräsentanten wahre Waisenknaben. Nur die Heuchelei, die steht heute weitaus höher im Kurs als noch vor 2000 Jahren. Damals nämlich war es durchaus legitim und in keiner Weise verwerflich, in aller Öffentlichkeit ganz unverfroren nach der politischen Macht zu gieren.

Aber bei aller Begeisterung gibt es auch einige Kritikpunkte. Erst einmal eine Frage an den Übersetzer bzw. wohl eher doch an den Heyne Verlag, der das Buch hier in Deutschland herausgebracht hat. Warum bitte in aller Herrgottsnamen habt ihr das Buch mit dem Titel 'Titan" verunstaltet?? Der Originaltitel lautet "Lustrum". Auch wenn es heute nicht mehr viele Bildungsbürger geben mag, die tatsächlich wissen, dass dieser Begriff für eine 5 Jahre andauernde Zeitspanne steht, der Autor selbst beendet ja das erste Kapitel seines Buches mit dem o.a. erläuternden Satz (Seite 21), in dem der Titel erklärt und auf ihn hingewiesen wird. Warum also ein anderer Titel? Warum in aller Welt Titan? Diese Frage hätte mir fast das Lesen verdorben. Der Begriff "Titan" taucht in den 540 Seiten des Buches nicht auf (wenn, dann habe ich ihn überlesen). Wahrscheinlich ist damit wohl Cäsar gemeint. Cicero kann es ja kaum sein, da er nach seinem Konsulatsjahr auf feinsäuberliche Art demontiert wird. Warum also, lieber Heyne Verlag? Da mag man es ja noch interessanter finden, dass der Roman auf der Webseite dieses Verlages sogar mit einem falschen Originaltitel (Conspiracy) geführt wird. Mein Rat: Suchen Sie sich für diese Art Bücher Lektoren, die wenigstens eine humanistische Schulbildung genossen haben und trauen Sie Ihren Lesern selbst ein klein wenig Bildungsarbeit zu.

Und wenn ich noch eine weitere Verlags-Schelte austeilen darf: Der auf dem Umschlag des Buches abgebildete Titusbogen ist zwar der älteste erhaltene römische Triumphbogen, doch er wurde 107 Jahre nach Ciceros Konsulat errichtet. Das wäre in etwa so, als würden auf dem Umschlag eines biografischen Romans über den US-amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln (Amtszeit 1861-1865) die Twin Towers des World Trade Centers (fertiggestelt 1973) abgebildet werden....Die englischen Kollegen von Hutchinson, bei dem der Roman im Original erschienen ist, die haben das wirklich besser hinbekommen (und das, obwohl Hutchinson ebenso wie Heyne eine Randomhouse-Tochter ist).

Robert Harris selbst ist ja gelernter Historiker. Dies zeigt sich auch vor allem darin, wie gut es ihm gelingt die wirklich komplexen politischen Handlungszusammenhänge in plastischer und stets spannender Manier zu entflechten und Schritt für Schritt aufzudecken. Natürlich wurde über die Catilinarische Verschwörung schon in der Antike geschrieben und es existiert dazu eine Menge historischer Literatur. Aber bei aller Genauigkeit ist mir doch folgendes aufgefallen. Das Buch startet zum Jahreswechsel des Jahres 63. v. Chr. In Rom fällt - im Roman - Schnee und es herrscht tiefster Winter. Da ich mich beruflich schon mehrmals mit unterschiedlichen Kalendern habe herumschlagen müssen, wurde ich hellhörig. Zwar stimmt es, dass auch das römische Jahr ab dem Jahr 153 v. Chr. mit dem 1. Januar begann, doch nicht umsonst reformierte Cäsar 45 v. Chr. das römische Kalendersystem und führte den nach ihm benannten julianischen Kalender ein, der in manchen Teilen der Welt sogar noch bis ins 20. Jahrhundert hinein seine Gültigkeit behalten sollte. Dies war notwendig, weil der römische Kalender das Jahr nach dem Gang des Mondes berechnete und sich daher gegenüber dem Sonnenjahr immer weiter verschob. Cäsar musste 80 (!) Schalttage einfügen, um den Kalender wieder mit der Sonne und den Jahreszeiten zu synchronisieren. Damit startete Ciceros konsularisches Jahr bereits Mitte Oktober, eine Zeit, in der es in Rom wohl eher noch herbstlich warm war. Natürlich könnte es sich bei dem Jahr 63. v. Chr. um ein besonders kaltes Jahr gehandelt haben. Dem widerspricht aber Harris Beschreibung, als der Senat Anfang April in die Frühlingspause geht, und Ciceros Familie bereits warme und sonnige Tage an der See verbringt - was dann ja wohl eher Mitte Januar bedeutet.

Aber Harris charakterliche Schilderungen der Hauptpersonen sind qualitativ über jeden Zweifel erhaben. Insbesondere die innere Widersprüchlichkeit Ciceros, dem einerseits immer an Ehre und Gewissen sowie am Wohle des Landes gelegen ist, der andererseits aber auch nicht vor politischen Winkelzügen bis hin zum Betrug zurückschreckt. Besonders geheimnisvoll taucht dann immer wieder Cäsar auf. Ein hochintelligentes Monstrum, ein strategisches Genie, ein schillernder Frauenverführer, der immer wieder auf die Füße fällt und selbst noch aus Niederlagen Gewinn zu ziehen versteht. Ein ganz anderes, aber nichts desto trotz faszinierendes Charakterbild Julius Cäsars zeichnet Thornton Wilder in seinem ganz besonders zu empfehlenden Briefroman "Die Iden des März", in denen Cäsars letztes Lebensjahr in literarisch großartiger Weise geschildert wird.

Fazit: Ein auf jeder Seite spannendes Intrigenspiel um die Macht im alten Rom zur Zeit des Niedergangs der römischen Republik, das gewollt oder nicht, zahlreiche Parallelen in unsere heutige Zeit ziehen lässt und dadurch noch an Brisanz und Aktualität gewinnt. Meine o.a. Kritikpunkte sind - außer der Verlags-Schelte - wohl eher etwas für die "ewigen Besserwisser" unter uns und schmälern den Lesegenuss in keiner Weise. LESEN!

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Dienstag, 12. Januar 2010

Experimentelle Erzählkunst - Virginia Woolf: Mrs. Dalloway

Ich habe noch nie zuvor etwas von Virginia Woolf gelesen. Ehrlich gesagt, kannte ich ihren Namen bislang nur aus dem Theaterstück "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?", das ja außer dem Namen nun eigentlich gar nichts mit Virginia Woolf zu tun hatte. Also, ich gehe einmal davon aus, dass wir alle schon einmal den Namen der Autorin in dem ein oder anderen Zusammenhang gehört haben, dass aber nur die wenigsten unter uns wirklich einen Roman von ihr gelesen haben...


Daher habe ich heute das Vergnügen, einen der 'großen' Romane der britischen Schriftstellerin und Verlegerin Virginia Woolf vorzustellen: "Mrs. Dalloway". Clarissa Dalloway ist anfang Fünfzig (etwas älter als die Autorin zur Zeit der Entstehung des Werkes) und plant für den Abend eine Gesellschaft zu geben. Der Roman spielt in der Jetztzeit (bezogen auf die Entstehung des Werkes, d.h. 1923) und die beiden Stränge der Haupthandlung umfassen einen Zeitraum von lediglich ca. 12 Stunden. Wir begleiten Mrs. Dalloway auf ihrem Weg durch London hin zu einem Blumengeschäft, wobei wir quasi 'live' ihren Gedankengängen folgen können. Sie trifft ihren alten Bekannten Hugh Whitbread, ein Snob, der einen kleinen Posten bei Hofe innehat, und der am Abend zu ihrer Gesellschaft erscheinen wird. Wieder zuhause angekommen, wo die Dienstboten mit den Vorbereitungen für den Abend beschäftigt sind, schneit unvorbereitet Peter Walsh, der seit vielen Jahren nicht mehr gesehene Jugendfreund Clarissas herein, gerade wieder aus dem fernen Indien zurückgekommen, um sich mit seinen Anwälten über eine Scheidung zu beraten. Es kommt bei dem unvermittelten Treffen zu einem intensiven emotionalen Moment, bei dem Peter, der es niemals richtig verwundet hatte, dass Clarissa Richard Dalloway an seiner Stelle geheiratet hatte, in Tränen ausbricht.

"Peter Walsh war aufgestanden und zum Fenster hinübergegangen und stand mit seinem Rücken zu ihr und wedelte mit einem Bandanno-Taschentuch. Herrisch und trocken und verzweifelt sah er aus, seine dünnen Schulterblätter hoben seinen Rock ein wenig; er putzte sich schnaubend die Nase. Nimm mich mit, dachte Clarissa leidenschaftlich, als breche er umgehend zu einer großen Reise auf; und dann, im nächsten Augenblick, war es, als wären die fünf Akte eines Stückes, das sehr aufregend und bewegend gewesen war, nun zu Ende und als hätte sie ein Leben lang in ihnen gelebt und wäre davongelaufen, hätte mit Peter gelebt, und jetzt war es zu Ende." (Seite 49)


Im zweiten Handlungsstrang der Geschichte gehen Septimus Warren Smith und seine Frau Lukrezia im Park spazieren. Septimus leidet unter traumatischen Kriegserlebnissen und wird von Wahnvorstellungen (sein gefallener Freund Evans erscheint ihm bei jeder Gelegenheit) und Depressionen (er droht mit Selbstmord) heimgesucht. Die beiden begegnen Peter Walsh im Vorübergehen kurz im Park (erste Verknüpfung der Handlungsstränge). Später wird Septimus seine Drohungen wahr machen und sich aus einem Fenster zu Tode stürzen. Sein behandelnder Arzt, Sir William Bradshaw ist Gast auf Clarissa Dalloways Abendgesellschaft - und so treffen sich am Ende die beiden Handlungsstränge als Bradshaw vom Selbstmord seines Patienten erzählt. Peter Walsh fühlt sich dort fremd und begegnet alten Freunden aus der Zeit, bevor er in den Kolonialdienst nach Indien gegangen ist und alle stellen sie fest, dass sie sich (wie auch die Zeiten) verändert haben.
"Die Entschädigung für das Altern, dachte Peter Walsh, als er Regent's Park verließ, den Hut in der Hand, war einfach das; daß die Leidenschaften so heftig wie je bleiben, aber man - endlich! - die Kraft erworben hat, die das Dasein um die höchste Würze bereichert - die Kraft, sich der Erfahrung zu bemächtigen, sie langsam um und um, ins Licht, zu kehren." (Seite 81)

Tja...viel passiert eigentlich nicht in diesem Roman. Dennoch ist er prall gefüllt mit den fließenden Gedanken der Hauptakteure, zwischen denen ständig hin und her gesprungen wird. Dies macht die Geschichte nicht gerade zu einer 'leichten' Kost, da man nicht einfach dem Fluss der Geschehnisse folgen kann, sondern ständig Gedankensprünge und unterschiedliche Perspektiven einnehmen muss. Interessant ist dabei immer das stetige Auftauchen der Glocke von Big Ben, deren stündliches Läuten den Fluss der Handlung streng strukturiert und auch synchronisiert.
"Die Uhr schlug. Die bleiernen Ringe lösten sich in der Luft auf." (Seite 189)

Irgendwie erwartet man ständig, dass doch noch etwas geschieht. Und eigentlich kann man sich auch nicht beklagen, denn es wird ein lebendiges Beziehungsgeflecht zwischen den auftretenden Personen entwickelt, dass sich aus kurzen Rückblenden in die gemeinsame Jugendzeit bis hin zur aktuellen Erzählzeit zusammensetzt. Insgesamt herrscht im Roman keine lebensbejahende und hoffnungsvolle Stimmung, eher das Gegenteil. Alles ändert sich, ist im Wandel begriffen. Das festzustellen, bleibt Clarissa Dalloway am Ende, als sie bei der Nachricht des Selbstmords eines Unbekannten am erkennt, dass sie noch einmal davongekommen war...
"Es gab etwas, worauf es ankam; etwas, von Geschwätz überwuchert, verunstaltet, verdunkelt, in ihrem eigenen Leben, das jeden Tag in Falschheit, Lügen, Geschwätz versank. Das hatte er [Peter Walsh] bewahrt. Der Tod war Trotz. Der Tod war ein Versuch, sich mitzuteilen, wenn Menschen die Unmöglichkeit empfanden, zum Innersten vorzudringen, das sich ihnen, mystisch, entzog; Nähe trennte; Entzücken verging; man war allein. Im Tod lag Umarmung." (Seite 187)

Starker Tobak, zugegeben, und wirklich nicht immer ein Vergnügen beim Lesen. Mrs. Dalloway war der zweite "experimentelle" Roman Virginia Woolfs, in dem sie ihre neuen Darstellungs- und Gestaltungstechniken (innerer Monolog und Bewusstseinsstrom) erprobte. Die Art und Weise erinnert mich an James Joyce, wenn auch manchmal kondensierter und intensiver. Tatsächlich hatte sie zuvor auch den 'Ulysses' gelesen, der ihrem Verlag angeboten wurde, dessen Publikation sie aber verwarf ("Ein primitives, ungebildetes Buch, scheint mir."). Der ursprünglich geplante Titel des Romans lautete "The Hours". Unter dem selben Titel erschien 1999 ein Roman von Michael Cunningham, in dem er drei Generationen von Frauen vorführt - unter anderem auch Virginia Woolf selbst - wie ihr Leben durch den Roman "Mrs. Dalloway" beeinflusst wird. "The Hours" wurde 2002 mit Meryl Streep, Julianne Moore und Nicole Kidman verfilmt, die für ihre Darstellung der Virginia Woolf in diesem Film den Oscar erhielt.

Fazit: Unzweifelhaft ein Stück Weltliteratur, auch wenn der Roman die Bezeichnung "experimenteller Roman" zu Recht wohl verdient hat und so wieder einmal nicht jedermanns Geschmack treffen wird. Als Leser sollte man (oder Frau) sich etwas Zeit nehmen und den Text auf sich wirken lassen, um seine Qualitäten erkennen zu können. Dahinter steckt aber zugegebenermaßen auch etwas Arbeit. Daher ist dies auf keine Fälle ein Roman für Zwischendurch, für den Nahverkehr am frühen Morgen oder für die kurze Zeit vor dem Einschlafen. Trotzdem LESEN!

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Donnerstag, 7. Januar 2010

Über nie geschriebene oder verlorengegangene literarische Ergüsse - Alexander Pechmann "Die Bibliothek der verlorenen Bücher"

All die verschwundenen, zerstörten oder niemals geschriebenen Werke der Weltliteratur, Alexander Pechmann verfrachtet sie unversehens in die einzigartige 'Bibliothek der verlorenen Bücher' und stellt uns diese auszugsweise und pointiert in der Rolle des Unter-Unter-Bibliothekars vor. Dabei muss man sich einmal vor Augen führen, auf wie vielen unterschiedlichen Wegen ein Buch in diese Bibliothek gelangen könnte...
"Bibliotheken sind keine Ansammlungen toter Materie - sie leben, atmen und bewegen sich durch die Zeit. Wir Bibliothekare haben die Aufgabe, unsere Sammlung zu pflegen und zu bändigen wie ein wildes Tier, das immer größer und hungriger wird. Wenn es in seiner Gier zu viel frisst, geht es ebenso zugrunde, wie wenn es gar nicht gefüttert wird." (Seite 196)
Da ist sie also, Alexander Pechmanns 'Bibliothek der verlorenen Bücher'. Eigentlich war ich ja schon sehr gespannt darauf, was mich wohl erwarten würde. Natürlich hatte ich sofort an die Literatur der Antike gedacht, die in unsere heutige Zeit nur in Bruchstücken überliefert, also in weiten Teilen 'verloren gegangen' ist. Aber neben dieser offensichtlichen Tatsache, von der uns auch Alexander Pechmann teils faktisch fundiert, teils anekdotisch überspitzt und teils mythisch verzerrt berichtet, hätte ich nicht gedacht, wie viele Autoren von Rang und Namen aus der bekannten Weltliteratur zum Teil aus reiner Schusseligkeit, aus Verzweiflung, aus Rache, aus Dummheit, beabsichtigt oder auch unbeabsichtigt, bereits geschriebene Teile ihres Werkes im Zuge sich zuspitzender Ereignisse in ihrem Leben tatsächlich verloren haben.

Malcolm Lowrys Manuskripte wurden geklaut und sind verbrannt, Hemingway verlor eine Reisetasche mit begonnenen Frühwerken und überspielt den Verlust mit einigen Bonmots über die 'Kunst des Weglassens', für die er ja berühmt geworden ist.
"Er hatte begriffen, dass das Ungesagte oft eine größere Wirkung erzielt als weitschweifige Erklärungen." (Seite 27)
Prosper Merimée verbrennt eigenhändig ein Frühwerk über Cromwell, Lord Byrons Erben beschließen aus Furcht um einen Skandal seine (ungelesenen aber höchstwahrscheinlich absolut indiskreten) Memoiren den Flammen zu überantworten.
"...denn Leidenschaft ist ein Malstrom, den man vom Strudel aus nicht betrachten kann, ohne seine Anziehungskraft zu spüren."(Seite 38)
Mary Shelley, die Autorin des Frankenstein, hat sich einen schludrigen Verleger ausgesucht, der Teile ihrer Manuskripte 'verlegt'. Thomas Mann verbrennt seine (vermutlich) komprommittierenden Tagebücher - und so bleiben nur die 'langweiligen' von ihm erhalten. Franz Kafka soll gar zu einem Verleger bemerkt haben:
"Ich werde Ihnen immer viel dankbarer sein für die Rücksendung meiner Manuskripte als für deren Veröffentlichung."
Naja...seine Meisterwerke wurden dann ja doch erst posthum von Kafkas Freund Max Brod veröffentlicht. So geht es humorvoll weiter durch die Literaturgeschichte. Natürlich verschwinden nicht nur Einzelwerke, auch ganze Bibliotheken verschwinden vom Erdboden, wie z.B. natürlich die berühmte Bibliothek von Alexandria (dazu diverse Untergangsmythen). Aber wir erfahren auch von Büchern, die nie geschrieben wurden. Bücher, deren Existenz bzw. auch die ihrer Autoren auf reiner Fiktion berüht. Eines der berühmtesten Beispiele hierzu ist das von H.P. Lovecraft erfundene 'Necronomicon' (hat's schon jemand gemerkt...klingelt es in den Ohren...?), angeblich geschrieben von dem verrückten Araber Abdul Alhazred und im 13. Jahrhundert von Olaus Wormius (unvollständig) ins Lateinische übersetzt, das "die letzten Geheimnisse aller üblen und verbotenen Wissenschaften" enthält. Gebunden sei es in schwarzen Ebenholzdeckeln, die mit granatdurchsetzten Arabesken aus Silberdraht verziert sind, und seine seit langer Zeit schon vergilbten Seiten verströmen einen ekelerregenden Friedhofsgeruch... Interessant nur, dass zahlreiche weitere Autoren den Mythos des Necronomicons aufgegriffen und diesen oft auch sehr erfolgreich bedient haben.

Abgerundet wird das Buch mit einer bibliografischen Sammlung aufgelesener und zitierter Literatur (die man auch tatsächlich in Bibliotheken oder im Buchhandel findet), sowie einem umfassenden Register der erwähnten existierenden oder erfundenen Autoren samt ihrer 'verlorenen' Werke. Insgesamt ein sehr kurzweiliges und informatives kleines Büchlein des Aufbau-Verlages in ansprechender Aufmachung - nur noch wenige Bücher werden heute mit Leinen gebunden (wenn auch hier nur Halbleinen) und mit einem Lesebändchen ausgestattet. Lernt man doch so manchen bekannten oder auch (noch) nicht bekannten Autor oder Autorin von sehr privater Seite her kennen, insbesondere wenn es um Schusseligkeit, Dummheit, Wahnsinn, Boshaftigkeit, Schrulligkeit oder andere Eigenheiten geht. Pechmann reicht nicht ganz an den 'König der Leser' Alberto Manguel heran, dessen "Geschichte des Lesens" ich bereits im biblionomicon (sic!) besprochen hatte. Als Systematiker hätte ich mir natürlich auch gerne eine entsprechend aufgegliederte Darstellung all der vielfältigen Beweggründe, warum ein Buch Aufnahme in die 'Bibliothek der verlorenen Bücher' gefunden hat, in der Übersicht gewünscht. Aber vielleicht liefere ich das ja auch noch selbst hier nach...

Fazit: Kurzweilig Wissenswertes und Anekdotisches über bekannte und unbekannte Autoren der Weltliteratur, das vor allem Eines, nämlich Lust auf mehr macht. LESEN!

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Sonntag, 3. Januar 2010

Lieben heißt Loslassen können - Andrew Davidson 'Gargoyle'

Lieben heißt Loslassen können. Aber darauf kommt man erst einmal nicht, wenn man den Klappentext dieses Debutromans von Andrew Davidson gelesen hat und bestenfalls einen historischen Roman erwartet. Doch erst einmal entwickelt sich alles anders als erwartet, so dass dieses Werk aus dem traditionellen Rahmen historischer Romane fällt und sich beim Weiterlesen als eine Art Hommage an Dantes berühmtes Inferno entpuppt...

Ein Mann - seinen Namen werden wir nie erfahren - erleidet in einem durch Trunkenheit ausgelösten Autounfall schwerste Verbrennungen und kann dem Tod dabei nur knapp entrinnen. Mit zahlreichen unappetitlichen Details und erzählerischer Wucht werden die Wochen und Monate der ersten Rekonvaleszenz und das damit verbundene unsagbare Leid des Mannes geschildert, so dass ihm als einziger Ausweg aus seiner Lage der bei seiner Entlassung geplante Selbstmord erscheint.
"Ab und an ereilt das Unheil den Arglosen gewaltsam, wie die Liebe." (Seite 7)
Aber unser Protagonist war in seinem Leben vor dem Unfall alles andere als arglos. Die Mutter starb bei seiner Geburt, seine Großmutter, bei der er aufwächst, stirbt als er 6 Jahre alt ist unter einer Schaukel, und seine Zieheltern Debbie und Dwayne setzen seine knappe Waisenrente direkt in Drogen um. Nach dem (Drogen)tod seiner Zieheltern folgt ein Aufenthalt in einem Erziehungsheim, gefolgt von einer Karriere als kiffender Pornodarsteller und -produzent. Doch mit diesem Leben ist es erst einmal vorbei.
"Ich war ein ungeliebtes Monster. Niemand würde meinen Verlust betrauern; im Grunde war ich ja schon tot. Wer würde mich schon vermissen?" (Seite 64)
Eines Tages taucht eine mysteriöse Frau an seinem Krankenbett auf, die behauptet ihn seit 700 Jahren zu kennen, dass sie einst ein Liebespaar gewesen wären, und so beginnt sie, ihm ihre gemeinsame Geschichte zu erzählen. Marianne Engel - so ihr Name - wurde im frühen 14. Jahrhundert in einem Korb vor den Toren des Nonnenklosters Engelthal gefunden.
"Ein ausersehenes Kind, das Zehntgeborene einer guten Familie, unserem Heiland Jesus Christus und das Kloster Engelthal dargeboten. Man verfahre mit ihm, wie es Gott gefällt." (Seite 100)
Marianne wächst im Kloster auf und lässt schnell eine außergewöhnliche Sprachbegabung erkennen. Die Priorin verfügt sie in das Skriptorium des Klosters, das unter der Herrschaft von Schwester Gertrude steht, deren großes Lebensziel in einer eigenen deutschen Bibelübersetzung besteht, und die das Findelkind am liebsten direkt wieder hinauswerfen würde. Unterstützt von Schwester Agletrude, die im sprachbegabten Kind sofort den zukünftigen Konkurrenten um den begehrten Bibliothekarinnenposten sieht, machen sie Marianne das Leben schwer. Jahre später wird ein schwerverletzter Söldner (unser Protagonist) ins Hospital des Klosters gebracht. Ein Brandpfeil hat seine Kleidung entzündet. Nur einem kleinen Büchlein in seiner Brusttasche (just Dantes "Inferno") hat er es zu verdanken, dass der Pfeil nicht bis in sein Herz vorgedrungen ist und ihn getötet hat. Marianne pflegt den totgeweihten aufopferungsvoll und es gelingt ihr durch ihre Liebe zu ihm die schier unmöglich geglaubte Heilung. Gemeinsam fliehen sie aus dem Kloster und vor seiner lebenslangen Verpflichtung als Söldner.

Marianne (in der Jetztzeit) ist Bildhauerin und war ebenfalls Patientin des Krankenhauses und gilt als schizophren und manisch depressiv. Ihr favorisiertes Kunstobjekt sind Gargoyles und Grotesken, also Fabelwesen, wie sie auf Kirchen und alten Gebäuden als Wasserspeier verwendet werden. Ihr Körper ist von eigenartigen Tätowierungen bedeckt, aber sie ist der einzige Mensch, der den Verbrannten immer und immer wieder besucht und ihm schließlich eine Perspektive jenseits der Krankenhauswände bietet.
"Die Tätowierungen und ihr ekstatisches Gebaren machten sie zu einer Kombination aus Hildegard von Bingen und Yakuza." (Seite 288)
Neben ihrer gemeinsamen Geschichte erzählt Marianne weitere Geschichten von unglücklichen Liebespaaren (Der gute Eisenwerker, Die Frau auf dem Kliff, die junge Glasbläserin und Sigurdrs Geschenk) und letztendlich verliebt sich der unglückliche Verbrannte in die seltsame verrückte Frau, die sich um ihn kümmert.
"Welch unerwartete Verkehrung des Schicksals: erst nachdem meine Haut weggebrannt war, vermochte ich endlich zu fühlen...ich nahm dieses grauenhafte Gesicht, diesen abscheulichen Körper an, weil sie mich zwangen, die Begrenzungen dessen, was ich bin, zu überwinden, während mein früherer Körper mir gestattete, mich darin zu verstecken."
Aber Marianne hat eine ihr gegebene Aufgabe zu erfüllen, die jenseits ihrer Liebe steht und die von ihrem Geliebten das höchste Opfer fordern wird. Auch steht dem Verbrannten während seines Morphiumentzugs eine Höllenfahrt frei nach Dante bevor. Doch entgegen dem Motto über Dantes Eingang zur Hölle ("Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!", Dante Inferno, 3. Gesang) siegt am Ende doch die Hoffnung.


Ich war ja anfänglich sehr skeptisch und war auf dem Weg, das Buch nach knapp 100 gelesenen Seiten wieder zurück ins Regal zu stellen, da mir die Schilderung der Rekonvaleszenz und dieses geradezu 'ekligen' Charakters nicht besonders gefallen haben. Aber nachdem die 'Verrückte' aufgetaucht war und ihre seltsamen Geschichten erzählte (das Buch ist jeweils aus der Ich-Erzählperspektive geschrieben), wurde das Ganze zusehends spannender und ich wollte wissen, wie es weiter geht. Und tatsächlich, ich wurde nicht enttäuscht. Gerade weil der Charakter des Helden so zwiespältig angelegt ist und weil man natürlich nicht sein Schicksal teilen möchte, kann man sich auch nicht mit ihm identifizieren. Das fällt weiblichen Lesern sicherlich einfacher, da Marianne zwar verrückt, aber eindeutig stets 'die Gute' ist. Dazu wird die Geschichte stetig mysteriöser. Dantes Inferno, das nur knapp vor dem Beginn des Erzählstranges aus dem 14. Jahrhundert entstanden ist, diente in vieler Hinsicht als Vorlage bzw. wird unvermutet oft zitiert. So fand der Unfall des Brandopfers an einem Karfreitag statt....just wie Dante am Karfreitag im Jahre 1300 geleitet von seinem Führer Vergil das Tor der Hölle durchschreitet. Dantes Hölle wird in allen Schattierungen geschildert und nacherzählt. Dazu lernt der Leser noch einiges über den deutschen Mystizismus des 13. und 14. Jahrhunderts (Kloster Engelthal, Meister Eckhart, Heinrich Seuse...), doch ist die geschilderte Handlung natürlich reine Fiktion.
"Rinne tensho. (japanisch: alles kommt wieder/das Leben wiederholt sich)" (Seite 554)
Kurze Bemerkung am Rande: Aufgefallen war mir das Buch im vergangenen Jahr in der englischsprachigen Originalausgabe und zwar durch seine ungewöhnliche Gestaltung. Es besitzt einen komplett schwarzen Beschnitt, d.h. die Buchseiten sind an allen drei von außen sichtbaren Kanten schwarz eingefärbt, gerade so, als wäre das Buch etwas angekokelt...
Dantes Inferno wird ja gerne zitiert bzw. als Romanthema aufbereitet, so z.B. auch in Matthew Pearls 'Dante Club', der hier im biblionomicon bereits besprochen wurde. Dort finden sich auch weitere, zum Teil lesenswerte Dante-Epigonen.

Fazit: Ein ungewohnt heftiges Buch, das gewissermaßen einen neuen Wind in die Tradition historischer (fantastischer) Romane bläst. Sicher wieder einmal nichts für jedermann, aber mir hat es sehr gut gefallen. LESEN!

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